Mediationsverfahren oder Gerichtsverfahren?

Mediationsverfahren sind Gerichtsverfahren überlegen, weil Mediatoren im Gegensatz zu Richtern nichts entscheiden dürfen. Denn mit Entscheidungen, die andere treffen, ist es wie mit Äpfeln – nicht alle schmecken uns.

Den gesetzlichen Richter kann man sich nicht aussuchen

Als ich am Silvestertag auf einem Markt in Warschau stand, wo ich den Jahreswechsel verbrachte, betrachtete ich die dort zur Schau gestellten Äpfel. Wie schön wäre es, dachte ich, wenn man sich auch seinen Richter aussuchen könnte. Denn ich hatte kurz zuvor verwunderliche Ansichten eines Richters zur Kenntnis nehmen müssen. Man nimmt einen Apfel hoch, prüft ihn auf dunkle Stellen und seine Festigkeit und vielleicht riecht man auch an ihm. Wenn einem ein Apfel nicht gefällt, nimmt man einen anderen. Bei Richtern geht das nicht so einfach.

Richtern schmeckt auch nicht jeder Apfel

Dem Richter geht es allerdings auch nicht viel anders, fiel mir auf. Auch er kann sich die Fälle nicht aussuchen, sondern muss in den sauren Apfel beißen, der sich ihm bietet. Nur verständlich, dass der eine ihm besser schmeckt als der andere und er manche am liebsten im hinteren Eck der Apfelkiste verrotten lassen würde.

Wichtige Entscheidungen treffen wir selbst. Die Konfliktlösung ist demnach nicht wichtig?

Ich dachte weiter nach. Würde ich jemanden, den ich nicht einmal kenne, Äpfel für mich aussuchen lassen? Nein. Ok, vielleicht würde ich es in Erwägung ziehen, wenn es sich um einen ausgewiesenen Apfelexperten handelt und wenn er mir versichern würde, die besten Äpfel für mich auszusuchen. Ich könnte ihm — sofern er nicht ausschließlich Polnisch spricht, was ich nämlich leider nicht spreche — außerdem sagen, dass ich keinesfalls Granny Smith Äpfel haben wolle. Vielleicht bringt mir der Experte dann tatsächlich Äpfel, die mir schmecken. Je größer die Bedeutung einer Entscheidung ist und je langfristiger ihre Folgen, desto eher hätte ich aber Bedenken, die Entscheidung einem Dritten zu überlassen. Das gilt besonders, wenn ich Verständigungsprobleme mit meinem Entscheidungsbeauftragten habe.

Wie kommt es, dass wir in rechtlichen Angelegenheiten (dennoch) häufig Rechtsanwälten die Entscheidung überlassen, welche Äpfel wir beanspruchen sollten und Richtern, ob wir sie haben können? Natürlich! Den meisten fällt es schwer, Rechtsfragen zu bewerten und ihre Rechte auch durchzusetzen (auch Juristen haben damit oft Probleme). Aber mal ehrlich: Ist es nicht so, dass wir die Arbeit des Rechtsanwalts und die Entscheidung des Gerichts ganz prima finden, wenn wir gewinnen, aber grottenschlecht, wenn wir verlieren? Man könnte doch wohl sagen, dass wir das Recht eigentlich nur verstehen und akzeptieren, solange es uns schmeckt. Wie groß ist dann doch aber die Gefahr, dass wir Äpfel erhalten, die uns nicht schmecken, wenn andere entscheiden. Gleichbedeutend für die meisten, ob die Begründung dann auf Juristisch oder Polnisch ausfällt…

Konflikte sind ein Risiko, aber auch die Chance für eine einvernehmliche Lösung

Vielleicht stimmen Sie mir zu: Je wichtiger die Entscheidung ist, desto eher sollte man sie zur Chefsache machen. Man selbst weiß schließlich am besten, welche Lösung einem schmecken kann. Man ist der Experte in eigener Sache. Das gilt auch für Konflikte. Überlässt man die Lösungsfindung (vollständig) Rechtsanwälten und Richtern, darf man sich später nicht wundern, wenn einem das Ergebnis nicht zusagt. Auch die juristisch richtige Lösung eines Konflikts löst zudem nicht seine Ursache, ist imstande Frieden zu stiften oder auch nur sachgerecht. Das ist es, was Marshall B. Rosenberg wohl meinte, wenn er fragte: „Wollen Sie lieber Recht haben oder glücklich sein?“

Meist sind es übrigens nicht die Sachfragen, die zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen, sondern unsere Unfähigkeit, Konfliktthemen konstruktiv zu besprechen und eine Lösung zu finden. Geschulte Mediatoren können helfen, eine konstruktive Atmosphäre zu schaffen und Lösungsoptionen zu erarbeiten. Mit einer einvernehmlichen Lösung steht die Beziehung dann plötzlich auf ganz neuen Füßen. Schönwetter-Beziehungen pflegen kann jeder. Eine Beziehung, die auch schlechte Zeiten überstanden hat, wird hingegen umso wertvoller. Vielleicht gehen die Konfliktparteien nach Beilegung des Konflikts dann sogar zusammen auf den Markt und schauen, was es sonst noch gibt, das einem gemeinsam Freude machen könnte. Es gibt dort schließlich nicht nur Äpfel. Parteien eines Gerichtsverfahrens wollen später allerdings nur selten miteinander Pläne schmieden.

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